Bitterfeld-Wolfen 2017

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Bitterfeld-Wolfen liegt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Zur Stadt Bitterfeld-Wolfen gehören die früher eigenständigen Orte Bobbau, Greppin, Holzweißig, Rödgen, Thalheim, Wolfen und Bitterfeld. Vor 10 Jahren wurde die Fusion der ursprünglich eigenständigen Städte Bitterfeld und Wolfen sowie der dazugehörigen Gemeinden durchgeführt. Wie steht es um das Lebensgefühl und die Nachbarschaft der dortigen Bewohner; welche Rolle spielen die Geschichte des Ortes und die Zusammenlegung noch heute? Der „Raum für Gedanken“ reiste von April bis Juni 2017 durch Bitterfeld-Wolfen und befragte dazu die Bürger. Für ein ausführliches PDF-Dokument dieser anonymen Befragung können Sie uns gerne per E-Mail kontaktieren.


Es lebt sich eigentlich gut hier. Die Goitzsche ist toll, das ist unser See. Nicht so gut sind die Abrisshäuser, die könnten dann mal weg oder neu aufgebaut werden. Es gibt eigentlich genug Wohnungen, die sind nur leider alle unbezahlbar. Bitterfeld-Wolfen, männlich, Jahrgang 1994


Ich bin seit 50 Jahren dem Reitsport verbunden. Zu DDR-Zeiten wurde im Ehrenamt für den Verein gearbeitet. Die Solidarität stimmt heute nicht mehr. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Ich komme mit den Nachbarn ganz gut klar. Ich habe Glück mit Bitterfeld, wir machen Sommerfeste in unserer Straße, man grüßt sich wieder. Ich habe im Chemiekombinat gearbeitet. Durch die Wende wurde viel kaputt gemacht, aber ich habe mich gekümmert und mich gefragt, was gab es zu DDR-Zeiten nicht? Inkasso? Zeitarbeitsfirma? Ich habe Büros in der Region aufgebaut, in Leipzig, Bitterfeld. Dessau. Die Leute werden von Tag zu Tag dümmer. Das Niveau sinkt, auch bei jungen Leuten. Sie verstehen nichts, wählen die AfD und durchblicken die Konsequenzen nicht. Mein Wunsch wäre, dass das altes Stadtbad saniert wird und dazu könnte man den kleinen Tierpark dorthin quartieren. Das hätte Vorteile für beide. Ein attraktiver Standort und zwei lohnenswerte Ausflugsziele für jung und alt, so könnte man das Gelände sinnvoll nutzen. Eigeninitiative ist immer gefragt. Greppin, männlich, 60 Jahre alt


Alle wünschen sich hier ein Kino. Das damalige Kino wurde geschlossen. Bitterfeld, weiblich, Jg. 1997


Die Ruhe allgemein im Ort ist schön. Ich bin vor 2 Jahren zugezogen und lebe gern hier. Die Stadt hat Potenzial. Es ist sehr grün und ringsum gibt es sehr viele Badeorte, zum Beispiel in Sandersdorf, das war ehemals eine Kohlgrube. Es gibt sehr schöne Naherholungsgebiete. Zum Einkaufen fahren wir nach Dessau, hier ist kein Innenstadtleben. Es ist schwierig, junge Leute hierzubehalten. Wir vergreisen in der Stadt. Es gibt Probleme mit Ausbildungsplätzen und Bildung. Nach dem Abitur ist man genötigt, zu gehen. Reuden, männlich & weiblich, Mitte 40


Meiner Altersgruppe ist schon bewusst, dass sich hier viel getan hat, aber die ältere Generation sieht es schon etwas anders und sie sagen oft, dass es früher besser war. Der Mensch merkt sich immer die positiven Sachen, alle hatten Arbeit. Wenn sie zum Beispiel in der Filmfabrik gelernt hatten, sind sie auch bis zum Rentenalter geblieben, sie hatten um 16 Uhr Feierabend. Ein Bekannter, der kurz vor der Rente steht, fährt noch bis kurz vor Österreich zum Arbeiten. Ich möchte das nicht mehr machen müssen. Hier kam immer der Stop-Shop, ein Transporter, der fuhr hier durch die Gegend, aber den habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Der hatte so einen kleinen Kaufladen, wo die älteren Leute regelmäßig hingegangen sind. Thalheim, männlich, Jg. 1961


Die Jüngeren ziehen meistens alle in den Westen, weil sie dort mehr Geld verdienen, hier hält sie gar nichts mehr. Disco und so gibt es auch nur in Bitterfeld, das ist auch nur ’ne Standardkneipe. Es gibt ein Kino in Wolfen, aber das ist schon lange zu. In Wolfen ist man noch geteilter Meinung, was Flüchtlinge angeht. Klar hat man die Bedenken, gerade, wenn man hört, in anderen Städten sind Kinder weggekommen. In Bitterfeld sind mehr, hier sind nicht so viele. Es ging zu schnell, deswegen die Ablehnung. Die haben einfach beschlossen und Bürger wurden nicht einbezogen. Nun müssen wir damit zurecht kommen. Die Leute haben sich einfach erschrocken, es gab keine Einweihung. Bobbau, weiblich Jg 1988


Es müssten sich mehr Firmen ansiedeln, auch große Firmen, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. An der Goitzsche ist es richtig schön geworden, war auch etwas Glück durch das Hochwasser. Damals gab es keinen weißen Schnee, das war alles schwarz, richtige Rußpartikel. Durch die Filmfabrik und CKP richtig dunkel gewesen. Auch die Häuser waren ja alle grau, heute streicht jeder sein Haus so wie er möchte. Da, wo die Chemiebetriebe sind, ist schon Boden belastet. Der Silbersee, wo alles reingelassen wurde, viel Quecksilber und so, das wurde nicht versiegelt. Vielleicht sind Tonschichten drüber so dass es nicht ins Grundwasser kommt aber das weiß keiner glaub ich. Angeblich wurden biologische Filtermatten draufgelegt, denn der Geruch war ja sehr unangenehm. Die ganze Industrie lag ja am Boden, ich weiß von vielen, die behauptet haben, dass in manchen Anlagen noch das Hakenkreuz drauf war. Die haben so lange gehalten, die haben teilweise Chemie angerührt, die noch aus Kaiser-Wilhelms-Zeiten waren, das war nicht mehr konkurrenzfähig. Glaub ich nicht. Auf Dauer wäre das nicht gut gegangen. Was schon ein bisschen auffällig ist, die Kinder heute mit Heuschnupfen und Neurodermitis, das hat schon enorm zugenommen. Das gab es damals nicht, jedenfalls nicht so ausgeprägt. Wir waren ja auch viel draußen und heute hängen die Kinder vorm Fernseher oder vorm Computer. Für meinen Vater ist nach der Wende eine Welt zusammengebrochen. Der wollte natürlich weiter arbeiten. Aber aus heutiger Sicht sieht er das anders. Er hat ja trotzdem die vollen Rentenbezüge bekommen, das war ein bestimmter Jahrgang. Das war 8 Jahre früher, und er kriegt schon ’ne schöne Rente. Ich bedaure schon die Jugend die nach uns kommt, weil die sich ja eigentlich schon selbst privat vorsorgen müssen, ob durch Riester oder sonst was. Da ist schon absehbar, dass die mal die Mindestrente bekommen werden. Das mit der sozialen Ungleichheit ist ein großes Thema, da kann man schneller reinrutschen als man denken kann, gerade gesundheitlich, wenn da mal was passiert, da wieder rauszukommen, das ist schwierig. Die Abwärtsspirale ist dann ganz schnell da. Ich selbst gehe positiv durchs Leben, uns geht es ja wirklich nicht schlecht, aber ich sehe halt viele andere und verstehe, wenn sie eine andere Meinung haben, weil es denen nicht gut geht und sie hinten runter fallen sozial. Bobbau, männlich, Jg. 1966


Wir sind ein kleines Dorf. Es hat damals vom Bergbau gelebt und Kohle abgebaut, auch mein Opa damals. Es gibt wenig junge Leute, ich wohne mit der ganzen Familie in einem Dreigenerationen- Haushalt. Ich bin eigentlich ein Dorfkind und könnte mir nicht vorstellen, in einer großen Stadt zu leben. Jobangebote fehlen noch, um junge Leute herzulocken. Wir haben zwar einen Jugendclub von jung bis alt, aber sonst gibt es zu wenig für Kinder. Im Park liegt alles voller Glasscherben, weil Jugendliche dort Bierflaschen hinschmeißen. Vielleicht liegt es an der Langeweile, wir haben nicht mal mehr eine Disco in der Region, deswegen treffen sie sich unten im Park und dann entsteht der Schaden. Wir hatten Praktikanten beim Zoo & Co aus der Sekundarschule, die wussten nichtmal, was Löwenzahn ist, das ist traurig. Holzweißig, Jg. 1993 weiblich


Ich finde, man müsste Mehrgenerationenhäuser hier machen, wo einfach mehrere Generationen unter einem Dach leben. Unten drin ein Kindergarten und oben dann ein Wohnheim für Ältere. Das Mehrgenerationenhaus in Wolfen ist ja nur Geldverbrennen, da ist nur Freizeitaktivität. Da werden die Leute mit öffentlichen Mitteln beschäftigt. Für das Geld könnte man ein Haus hinstellen zum Wohnen, mit Gemeinschaftsräumen, wo alt und jung zusammenleben. Der Staat macht die Menschen kaputt! Bitterfeld-Wolfen, männlich, Jahrgang 1949



Ich habe in Wolfen gelebt, bin jetzt aber hier im Pflegeheim.
In Wolfen ist alles nicht mehr, die schönen Geschäfte, die da waren und ein sehr gutes Café, da bin ich früher sehr gern gewesen. Das ist alles nicht mehr. Hier in Bitterfeld ist es nicht so dolle. Ich bin ja fast blind. Es ist schwer, wenn ich über die Straße will, denn der Drücker an der Ampel funktioniert gar nicht. Bitterfeld-Wolfen, weiblich, Jahrgang 1938


Wir leben seit einem Jahr hier. Wir kommen aus Somalia. Die Leute sind nicht sehr nett, sie sprechen nicht mit uns. Wir möchten mit den Leuten sprechen, um die Sprache zu lernen, aber ich kenne hier niemand. Ich bin Journalist. Bitterfeld-Wolfen, Männlich, Jg. 1972


Allgemein war das Gemeinschaftsgefühl mal besser. Vor der Wende war die Gemeinschaft allgemein geprägter, Nachbarschaftshilfe hatte noch eine Bedeutung. Nach der Wende ist sich jeder selbst der Nächste. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass nach der Wende die Arbeitsplatzsituation so schlecht wurde und viele in den Westen mussten, dann ist das Schlechte vom Westen auf den Osten abgefärbt. Denn in den Medien wird ja Geld Geld Geld publiziert, so dass man dadurch in den alten Bundesländern seinen Nachbarn nicht mehr kennt, weil man dafür nicht mehr die Zeit hat … In den Mehrfamilienhäusern ist es so, dass man nichtmal den Nachbarn von gegenüber kennt. Ich war 6 Jahre lang bundesweit unterwegs und hatte viele Kunden und habe das so mitgekriegt. In den ländlichen Regionen geht es vielleicht noch, aber in den Großstädten ist es oft beim Gruß geblieben – oder nicht mal das – und man läuft stupide aneinander vorbei. Aus dem Grund mache ich das, was ich jetzt mache. Der Verein wurde mit dem Gedanken gegründet, Verbände, Organisationen miteinander zu verbinden. Vereine können sich ein Angebot einholen für Veranstaltungen, wo das eigenen Personal nicht ausreicht. Wir sehen uns als Netzwerk, haben ausgebildetes Fachpersonal und sind medizinisch in der Lage, die Erstversorgung zu übernehmen und ich bin auch ehrenamtlich im Rettungsdienst. Wir verstehen uns als organisatorischer Kopf für Veranstaltungen und holen uns von den einzelnen Vereinen das erforderliche Personal, um die Veranstaltungen abzusichern, zum Beispiel vom Johanniter, Malteser, DRK. Als Verein finanzieren wir uns nur aus Spenden, Sponsoren und über die Veranstaltungsabsicherung. Wir haben einen ausrangierten Linienbus umgebaut zu einer mobilen Unfallhilfsstelle mit Defibrillator und Beatmung und EKG, komplett aus Spenden zb von Unternehmen und der politischen Seite her. Wenn ich mit solch einer Kiste vorfahre und frage, wie sieht es aus, wollt ihr das unterstützen … es hat noch keinen gegeben, der uns ablehnend gegenüberstand. 2011 haben wir den Verein gegründet, da saßen 4 Mann an einem Tisch, die die selbe Macke hatten: Menschen helfen. So einen Bus umzubauen war der Gedanke im Hinterkopf und 2015 hat man uns dann die Möglichkeit gegeben, indem man einem Bus zur Verfügung gestellt hat und den haben wir innerhalb von 7 Monaten umgebaut. Alles ehrenamtlich und in Eigenleistung. Hauptberuflich bin ich Fenster- und Türendoktor und im 2. Beruf Rettungssanitäter und im 3. ehrenamtlich im Vorstand beim Katastrophenhilfsverband. Mittlerweile haben wir 4 Ortsverbände: Dresden, Anhalt Bitterfeld, Berlin und Oranienburg. Hauptsitz in Berlin aber ich lebe im Landkreis Anhalt Bitterfeld. Ich würde mir allgemein mehr Zusammenhalt in der Nachbarschaft wünschen. Es wird zwar durch Straßenfeste immer versucht, aber das sind dann Abschnitte und nicht der ganze Ort ist einbezogen. So braut jeder sein Süppchen für sich. Greppin, männlich, Jg. 1964